RAFFAEL - Die Heilige Familie mit dem Lamm von 1504
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Vorwort

Was Raffael durch die Jahrhunderte zum Klassiker prädestinierte, war seine Synthese der bedeutendsten künstlerischen Errungenschaften der Renaissance. Seite Zeitgenossen rühmten aber auch seine einfallsreiche Bilderfindung, die er freigebig an andere Maler und Nachahmer weitergab. „Man erzählt“, schreibt Vasari in seinen Viten, „daß, wenn irgendein Maler, der ihn kannte oder auch nicht kannte, ihn um einen Entwurf, den er brauchte, anging, Raffael seine Arbeit verließ, um ihm zu helfen“. Erstaunlich ist, daß Raffaels Bilderfindung offensichtlich schon zu einer Zeit berühmt war, als er noch nicht der Klassiker war, als den wir ihn kennen.
Die Hl. Familie mit dem Lamm aus Privatbesitz, Zentrum dieser Studioausstellung, fand wegen der ungewöhnlichen Behandlung des Themas ihre Nachahmer bis in nazarenische Zeit, aber auch schon unmittelbar nach der Entstehung 1504, bevor ihr Raffael selbst eine geglättete, raffaeleskere Fassung an die Seite stellte, die sich heute im Madrider Prado befindet.
Ich freue mich, daß Prof. Dr. Jürg Meyer zur Capellen, der sich schon längere Zeit mit der kleinen Tafel der Hl. Familie mit dem Lamm beschäftigt hat und daß Dr. Jürgen M. Lehmann, der Initiator der Ausstellung, aufgrund von Originalvergleichen mit neuen Ergebnissen aufwarten kann.
Dies war nur möglich aufgrund der kollegialen Unterstützung dieses Unternehmens mit wertvollen Leihgaben. An erster Stelle danke ich dem Besitzer der Raffael-Tafel für seine generöse Ausleihe, weiterhin dem Ashmolean Museum Oxford und seinem Direktor, Professor Christopher White FBA, für die Bereitstellung des entsprechenden Raffael-Kartons. Verpflichtet bin ich auch dem Musée des Beaux Arts in Angers, Conservateur en Chef M. Patrick Le Nouene, den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München, Herrn Generaldirektor Dr. Johann Georg Prinz von Hohenzollern, und den Kunstsammlungen der Veste Coburg, Herrn Direktor Dr. Michael Eissenhauer. Die Vize-Direktorin des Museo del Prado in Madrid, Frau Doktor Manuele Mena Marques, brachte der Ausstellung großes Interesse entgegen und unterstützte sie mit Text- und Bildmaterial. Ohne die großzügige Unterstützung eines privaten Sponsors und der Nordstern Allgemeine Versicherungs-Aktiengesellschaft, München, Frau Dr. Brigitte Ulsess, jedoch hätte diese fruchtbare und originelle Ausstellung nie stattfinden können. Ihnen gilt unser besonderer Dank.

 

Dr. Veit Loers
ehem. Direktor des
Museum Fridericianum Kassel
Direktor des Städtischen Museums
Abteiberg, Mönchengladbach

Als Landgraf Wilhelm VIII. von Hessen-Kassel zu Neujahr 1750 von dem Frankfurter Baron von Häckel, dessen Kunstsammlung dem jungen Goethe ein Begriff war, auf einer kleinen Holztafel einen unbekannten Raffael „Die Heilige Familie mit dem Lamm“ als generöses Geschenk erhielt, ließ ihn seine vorzügliche Kunstkennerschaft sogleich urteilen:dies wäre eine hervorragende Kopie nach Raffaelo Santi (1483-1520). Als solche blieb das Bild zunächst ein Streitpunkt der Kunstgeschichte und ein von der Öffentlichkeit zu wenig beachtetes Renaissancewerk innerhalb der Gemäldegalerie Alte Meister der Staatlichen Museen Kassel im Schloß Wilhelmshöhe.
Es ist das Verdienst unseres „Italiener-Spezialisten“, Herrn Dr. Jürgen M. Lehmann, den kunst- und kulturhistorischen Umkreis dieses Bildthemas und seiner mannigfachen Überlieferung über viele Jahre hin gründlich und im internationalen Rahmen erforscht und zur Idee einer kleinen Studio-Ausstellung verdichtet zu haben. Das Projekt wurde von dem ehemaligen Direktor der Staatlichen Museen Kassel, Herrn Dr. Ulrich Schmidt, in Kooperation mit dem Leiter der Kunsthalle Museum Fridericianum, Herrn Dr. Veit Loers, soweit mit Wohlwollen begleitet, bis nun dank der Unterstützung eines privaten Leihgebers und der beteiligten Museen sowie der Nordstern Allgemeine Versicherungs AG als Sponsor in dankenswerter Weise dieses Begleitbuch zusammen mit der Ausstellung im Museum Fridericianum entstanden ist.
Neben dem Raffael-Gemälde von 1504 und dem aufschlußreichen orignalen Karton aus Oxford wurden die erreichbaren Varianten und Kopien eingeliehen; leider konnte trotz der Bemühungen der Veranstalter das bekannte Gemälde des Prado-Museums in Madrid nicht als Leihgabe gewonnen werden, so daß es nur als originalgroße Fotoreproduktion ausgestellt werden kann.
Jürgen M. Lehmann hat - mit Unterstützung von Frau Dr. des. Susan Tipton - auf diese Weise ein wissenschaftliches Desiderat der Kunstgeschichte erfüllt und viele Details, z.B. die Signaturen und Datierungen der eigenhändigen Raffael-Gemälde in Privatbesitz und im Prado, neu - und überzeugend - gedeutet.
Für mich als Leonardoforscher war es bei der Verfolgung dieser Forschung faszinierend zu sehen, wieviel doch der junge Raffael, kaum daß er sich im Oktober 1504 in die Schülerschaft des eine Generation älteren Leonardo da Vinci in Florenz begeben hatte, von dem größten Universalgenie der Renaissance zu profitieren wußte, indem er sogleich seine lebensvollen, lebenschaffenden Gestalten, seine plastische Malweise bis hin zum berühmten Sfumato, das die Fernwirkung der Landschaft atmosphärisch verstärkt, getreulich nachahmte. Möge dieses Buch bei allen Lesern und Besuchern zur Entdeckerfreude beitragen und den Reiz der Forschung vermitteln!
Der Platz der Ausstellung neben unseren „120 Meisterwerken“ aus der Gemäldegalerie könnte kein geeigneterer sein. War doch das Museum Fridericianum als erstes kontinentaleuropäisches öffentliches Museum zwar nicht als Gemäldegalerie gebaut, aber doch schon von der Gründung 1779 an als Ort der Geschichte und zugleich als Ort der Forschung bestimmt - man denke nur an die Sternwarte im Zwehrenturm des Hauses.
Zum Schluß danke ich im Namen der Direktion der Staatlichen Museen Kassel sowohl allen Helfern, beteiligten Restauratoren und privaten Leihgebern als auch den entgegenkommenden Kollegen folgender Häuser: Ashmolean Museum, Oxford; Civici Musei, Castello Visconteo, Pavia; Musée des Beaux Arts, Angers; Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München, und den Kunstsammlungen der Veste Coburg.

Kassel, im September 1995

Prof. Dr. Ludolf von Mackensen
Museumsdirektor bei den
Staatlichen Museen Kassel


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